Bericht zum Pokalfinale in Luckenwalde, 28. Mai 2016

Am 28. Mai 2016 spielte der SV Babelsberg 03 beim FSV 63 Luckenwalde im Werner-Seelenbinder-Stadion um den Krombacher Pokal der Saison 2015 / 2016. Das Pokalfinale wurde um 12:30 Uhr angepfiffen und endete mit einem souveränen 3:1-Sieg aus Sicht von Nulldrei. Ungefähr 1.000 Babelsberg-Fans begleiteten ihr Team nach Luckenwalde und wollten nach Abpfiff den Pokalsieg feiern. Jedoch verhinderten behelmte, größtenteils vermummte und mindestens ein*e ungekennzeichnete*r Beamt*in der Brandenburger Bereitschaftspolizei sowie Berliner Beamt*innen der Bundespolizei die fröhliche Feier und griffen die Nulldrei-Fans an.

Wir möchten an dieser Stelle ausdrücklich und unmissverständlich erklären, dass, wie von der Polizei behauptet, nach Spielende keinesfalls ungefähr 100 Personen versucht haben, den Platz zu stürmen. Die Fans wollten lediglich zusammen mit ihrem Team den Pokalsieg feiern, wobei einige wenige den Rasen betraten. Diese für jeden Fußballfan nachvollziehbare Reaktion wurde von den eingesetzten Beamt*innen durch exzessive Gewalt ohne Rücksicht auf Leib und Leben der Betroffenen unterbunden. Wie sich offenbar verfestigt, wäre aufgrund des exzessiven Einsatzes von Pfefferspray und Schlagstöcken eine Person beinah getötet worden. Sie musste wiederbelebt werden. Weitere mindestens fünf Personen waren zum Teil mehrere Minuten bewusstlos. Viele mussten sich übergeben. Mehrere Dutzend Fans erlitten schwerwiegende Augen-, Atemwegs- und Hautreizungen. Wir gehen von mehreren hunderten Betroffenen aus.

Wir gehen davon aus, dass am Spieltag ungefähr 150 Beamt*innen im Einsatz waren. Aus Berlin überwachten mindestens sechs Bundespolizeieinheiten mit der Kennzeichnung 1210, 1213 sowie 8110, 8120, 8320 und 8321 die Nulldrei-Fans. Aus Potsdam war offenbar die gesamte 1. Einsatzhundertschaft beziehungsweise mindestens acht Einheiten der Gruppen 1411-1414 sowie die Gruppen 1431-1434 vor Ort. Hierbei fielen insbesondere die Gruppen mit der Kennzeichnung 1411 und 1412 durch besonders exzessive Gewalt sowohl auf dem Rasen als auch am Stadioneingang auf. Skandalös ist außerdem, dass offenbar in der Gruppe 1412 zwei Beamt*innen entgegen der Kennzeichnungspflicht für Brandenburger Polizist*innen nicht individuell gekennzeichnet waren und somit eine Identifizierung offenbar bewusst und widerrechtlich verhindert werden soll.

Im Verlauf des Spieltags kam es zu einigen polizeilichen Maßnahmen. Die mit dem Bus an- und abreisenden Nulldrei-Fans aus Babelsberg wurden nicht überwacht. Die An- und Rückreise der mit dem Zug gekommenen Fans dagegen wurde von der Berliner Bereitschaftspolizei überwacht. Hierbei nahmen einige Beamt*innen selbst im Zug ihre Helme nicht ab. Die Kundgebung einiger Babelsberg-Fans vor dem Spiel, bei der am Friedrich-Gymnasium an Rudi Dutschke erinnert wurde, überwachten mehrere Halbgruppen der Brandenburger Bereitschaftspolizei. Beim Spaziergang der Fans zum Stadion wurde die Überwachung unter anderem durch Beamt*innen in Zivil erhöht.

Am Einlass und während des Spiels gab es keinerlei auffällige Überwachung. Die Beamt*innen blieben im Hintergrund. Dies änderte sich schlagartig, nachdem wenige Minuten vor dem Abpfiff, offenbar auf Bitte der Einsatzleitung der Babelsberger Ordner*innen, die Einheiten 1411 und 1432-1434 sich vor dem Support-Block behelmt, vermummt und das Pfefferspray im Anschlag aufstellten. Zu diesem Zeitpunkt saßen wie im Karl-Liebknecht-Stadion durchaus üblich enthusiastische und fröhliche Fans auf dem Zaun. Sie warteten auf den Abpfiff, um endlich mit dem Team feiern zu können. Als der kam, betraten einige wenige Fans den Rasen. Sie wurden äußerst brutal umgerissen und mit eng zusammengezogenen Kabelbindern gefesselt. Andere Fans, die offensichtlich den Blutenden und zum Teil Ohnmächtigen helfen wollten, wurden aufgehalten und mit Gummiknüppeln geschlagen. Spieler*innen wurde die Feier mit den Fans zunächst verwehrt. Einige Ordner*innen wurden ebenfalls aufgehalten, während andere nicht minder brutal Fans zu Fall brachten.

In dieser Situation setzten die Beamt*innen exzessiv Pfefferspray gegen die Fans ein. Ihnen wurde teilweise aus kürzester Entfernung und von mehreren Beamt*innen direkt ins Gesicht gesprüht. Andere wurden brutal vom Zaun gezogen, wobei Schnittverletzungen und Schürfwunden fahrlässig in Kauf genommen wurden. Trotz der Dutzenden Verletzten und einer relativen Beruhigung der Lage, da die Verletzten versorgt werden mussten, wurde im halben Gästeblock durch den Zaun, ohne direkte Gefahr zum Übersteigen des Zauns Pfefferspray rücksichtslos versprüht. Hierbei wurden erneut massive Verletzungen und Panik unter den Fans in Kauf genommen.

Das Ergebnis dieses Gewaltexzesses waren mindestens fünf teilweise bewusstlose Fans, mehrere Dutzend Verletzte, die mit Reizungen, Schnitt- und Schürfwunden versorgt werden mussten, und weitere mehrere Hundert leicht Verletzte. Bei mindestens einer Person bestand zeitweise Lebensgefahr. An mehreren Stellen versorgten Fans Verletzte. In unmittelbarer Nähe zum Ausgang kümmerte sich die Feuerwehr um Verletzte.

An dieser Stelle eskalierte die Polizei erneut die bereits völlig außer Kontrolle geratene Situation, in dem der Ausgang gesperrt wurde. Wieder fielen die Einheiten mit der Kennzeichnung 1411 und 1412 durch exzessive Gewalt auf. Insbesondere ein*e auffällig große Beamt*in ohne Kennzeichnung wahrscheinlich aus der Einheit 1412 fiel auf, da sie auch unbeteiligte Fans angriff, die lediglich am Rand standen und die Polizei beobachteten.

Insgesamt waren sieben Krankenwagen und ein Rettungshubschrauber zur Versorgung der Verletzten im Einsatz. Mindestens zwei Personen mussten ambulant versorgt werden, konnten aber das Krankenhaus verlassen. Wir möchten uns an dieser Stelle für die vorbildliche und schnelle Hilfe der Feuerwehr von Luckenwalde und bei den Notärzt*innen bedanken.

Außerdem freuen wir uns, dass die Führung des SV Babelsberg 03, der Fanbeirat und das Fanprojekt Babelsberg nach diesen erschreckenden Ereignissen zusammenstehen und in jeweils eigenen Erklärungen die exzessive Polizeigewalt verurteilt haben. Wir können zurzeit noch nicht sagen, wie viele Personen vorläufig in Gewahrsam genommen und von wie vielen die Personalien genommen wurden oder wer einer sogenannten Erkennungsdienstlichen Behandlung (ED) unterzogen wurde. Wir werden hier dran bleiben und die Betroffenen selbstverständlich unterstützen. Falls ihr von Maßnahmen betroffen wart oder seid, meldet euch beim Fanprojekt oder bei uns. Was leider viel zu oft unterschätzt wird, ist die Traumatisierung, die aus derartig exzessiver Gewalterfahrung resultiert. Deshalb sprecht mit vertrauten Menschen, wendet euch an das Fanprojekt oder auch an uns.